YVON CHABROWSKI

DYNAMICS

two channel video intsallation, HD-Loop, 21:00 min, colour, sound, life-size projection onto two projection surface each 157,5 cm × 280 cm, 2015/2016


Performers move through space silently, filmed from above by two video cameras. Their number increases and with it the density of their bodies, which imperceptibly transforms into claustrophobic crowding, jostling, and nally even threat. A loose group of individuals turns into a tumult, foreboded by the shuf ing of feet and the subtle acceleration of movements and breathing. Then a sudden pause—and dissolution. In an unpredictable rhythm, the dynamics of the group changes from a peaceful gathering to an aggressive skirmish, at times even conglome- rating into a single, dense body. Processes of drift and self-assertion, penetration and retreat, self-exploration and play can at any time shift, bringing about moments of harassment, panic, or violence.

Yvon Chabrowski’s video installation records the dynamics that unfold within a group in which every individual unconsciously responds to the movements of his or her neighbor: a swarm. The cameras’ frames delimit the boundaries of the performance space. Thus the recording medium itself in uences the events taking place in front of the lens, bringing forth the happenings it records. Analogously, the screens in the exhibition space dictate the movement radius of the beholders. Their steps intermingle with those of the performers, causing spatial borders to blur. The beholders can nd their own behavior re ected in the image and are hence themselves addressed by the question: Which form could and should our social community take on?

At the same time, the video work breaks with perceptual habits: The group is shown simultane- ously from two different angles. The “view from above” is the perspective of the surveillance camera, meant to ensure the controllability of a situation, for instance at mass demonstrations. However, even with the help of this double perspective the actual events can hardly be recon- structed: Each camera image captures a slightly different dynamic, a different moment of es- calation, a diverging narrative—although both videos show the very same moment, they by no means appear synchronous. This refraction of the gaze reveals to what extent camera angles and frames in uence the beholder’s perception. In a medially conveyed world, the borders between image and reality, fact and fiction become blurred.

Performer_innen bewegen sich wortlos durch einen Raum, der von zwei Kameras in Aufsicht gefilmt wird. Ihre Anzahl nimmt zu und damit auch die körperliche Nähe, die unmerklich in Enge, in Gedränge und schließlich sogar in Bedrängnis umschlägt. Aus einer losen Gruppe von Personen wird zusehends ein Tumult, der sich subtil durch die Beschleunigung der Schritte und die Steigerung der Atemfrequenz ankündigt. Dann ein plötzliches Innehalten – und Auflösung. In einem undurchdringlichen Rhythmus verändert sich die Dynamik der Gruppe von einem friedlichen Miteinander zu einem aggressiven Gerangel, bis hin zur Zusammenballung zu einem einzigen Körper. Prozesse des Sichtreibenlassens und Sichdurchsetzens, des Eindringens und Entziehens, der Selbsterprobung und des Spiels können jederzeit umkippen in Momente der Beklemmung, der Panik oder gar der Gewalt.

Yvon Chabrowskis Video-Installation zeichnet die Dynamiken auf, die sich in einer Menschengruppe entfalten, in der jeder Einzelne unbewusst auf die Bewegungen seines Nachbarn reagiert: ein Verhalten im Schwarm.
Die räumlichen Grenzen, innerhalb derer sich die Performer_innen bewegen, werden vom Blickfeld der Kameras abgesteckt. So nimmt das Aufzeichnungsmedium selbst Ein uss auf das Geschehen vor der Linse, bringt die Ereignisse, die es dokumentiert, mit hervor. Analog hierzu diktieren die Bildschirme im Raum den Bewegungsradius der Betrachtenden. Ihre Schritte mischen sich unter jene der Performer_innen, sodass räumliche Grenzen verwischen. Die Betrachtenden werden Teil der Gruppe, die sie von schräg oben wahrnehmen, und sind damit selbst gefragt: Welche Form kann und soll unser gesellschaftliches Miteinander annehmen? Zugleich wird mit Sehgewohnheiten gebrochen: Die Gruppe wird simultan aus zwei geringfügig verschobenen Blickwinkeln gezeigt. Der „Blick von oben“ ist der Blick der Überwachungskamera, der die Kontrollierbarkeit einer Situation gewährleisten soll. Allerdings lässt sich das Geschehen sogar aus dieser doppelten Perspektive kaum rekonstruieren: Jedes Kamerabild zeigt eine etwas andere Dynamik, ein eigenes Narrativ. Obwohl beide Ansichten denselben Moment wiedergeben, erscheinen sie keineswegs synchron. Diese Brechung des Blicks führt vor Augen, in welchem Maße Kameraeinstellungen und Bildrahmen die Wahrnehmung eines Geschehens mitbestimmen. In einer medial vermittelten Welt verschwimmen die Grenzen von Bild und Wirklichkeit, von Fakt und Fiktion.

Katharina Lee Chichester, 2017